[Michaela-Didyk Newsletter] Von Scardanelli bis Diotima: Hölderlin heute
Michaela Didyk
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Mi Mai 20 02:05:56 CEST 2009
Liebe Leserinnen und Leser,
mit "Scardanelli" unterzeichnete Friedrich Hölderlin (1770-1843) seine
späten Gedichte. "Scardanelli" nennt auch Friederike Mayröcker ihren
jüngsten Gedichtband, für den sie Ende Juni mit dem Hermann-Lenz-Preis
geehrt wird. Wie "modern" Hölderlin ist, belegen ebenso die Lyrik und
Prosa von Gerhard Falkner, Beatrix Langner und Peter Schünemann.
Erfahren Sie dazu mehr im heutigen Newsletter.
Aufmerksam machen möchte ich Sie zuvor auf den Heidelberger Appell für
Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte. Die von Google
angelegte Buchdigitalsisierung und damit verbundene Schädigung der
Autorenrechte erfordert Aufklärung und Widerspruch in ihrer
Rigorosität. Durch amerikanischen Gerichtsbeschluss konnte der
Stichtag, an dem das "Google book settlement" (der von Google
außergerichtlich geschlossene Vergleich) bereits in Kraft treten
sollte, zwar auf den 4. September 09 verschoben werden, ein Handeln auf
politischer Ebene und Einspruch auch aus Europa sind jedoch nötig, um
weitere Klärung zugunsten der AutorInnen zu erzielen. Die detaillierten
Informationen und die Liste zum Unterzeichnen des Heidelberger Aufrufs
finden Sie unter: <www.textkritik.de/urheberrecht/index.htm>
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
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1. "sei du bei mir in meiner Sprache Tollheit" - Friederike Mayröckers
Hölderlin-Zyklus
2. Netzwerkumgebung für Hölderlin (Gerhard Falkner) und
Wahrnehmungssplitter eines sterbenden Dichters (Peter Schünemann)
3. Sich in Hölderlin vertiefen: Bücher zum Lesen und Hören
4. Nicht ohne Diotima - Beatrix Langners Romanbiografie
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1. "sei du bei mir in meiner Sprache Tollheit" - Friederike Mayröckers
Hölderlin-Zyklus
Im kommenden November wird Friederike Mayröcker 85 Jahre alt. Ihre
Gesammelten Gedichte, 2004 zum damals runden 80er erschienen, hat sie
inzwischen um reiche Produktion erweitert. "Glücklich im Schreiben, nur
noch im Schreiben", ist die Dichterin seit dem Tod ihres
Lebensgefährten Ernst Jandl im Jahr 2000. Zwischen Januar und September
2008 sind die 40 Texte entstanden, die sie nun - um zwei ältere
Eingangstexte ergänzt - unter dem Titel "Scardanelli" veröffentlicht
hat. In imaginären Streifzügen begegnet Mayröcker Friedrich Hölderlin
und bewahrt in Überblendung zugleich das Andenken "an EJ", so die
Überschrift eines der Gedichte: "Fröhlich waren /wir eine stille
Fröhlichkeit ach ahnungslos war ich und / Vorfrühlingsmittag".
Einzelne Wörter, Zeilenfragmente aufnehmend, folgt die Dichterin
Hölderlins hymnischen Versen, knüpft an seine freien Rhythmen an. Doch
nicht jedes Zitat ist "original". Mayröcker spielt mit den Worten,
montiert sie neu, benennt gleich im Eingangsgedicht von 1989 wie in
einem Rezept ihr Vorgehen: "diese Prise Hölderlin/ im hellroten
Hölderlinzimmer/ ... / ich öffne ein Fenster".
Die Natur wird zu beider Bindeglied, Hölderlins Blick gilt oft dem
Kleinen. Mayröcker geht darauf ein, zieht den Faden verschiedentlich
durch ihre Gedichte: "wo die verborgenen Veilchen sprossen, wo die
verborgenen Veilchen schwärmten, so die verborgenen Veilchen
sprieszen". So webt sie filigrane Textur: Bäume, Vögel, Luft und immer
wieder Blumen - in den bildintensiven Naturbeschreibungen vermittelt
sich die Erinnerung ans Glück, die Geborgenheit: "der/ Mond schwebte in
seinen Gestalten, die Sterne fielen herab. Einge-/ bettet war ich in
immerwährende Freude, Beständigkeit der Birnbäume/ vor dem Tor".
Leben und Tod sind sich nahe in diesem Zyklus, in dem Friederike
Mayröcker den Blick auf das Scheiben an sich öffnet: "weiszt du noch,/
die Bilder in meinem Kopf rasen wie irrwitzige/ dieses mein Leben im
Robinienflor die Gärten im Hauch der Lilien". Zur Tollheit, so der oben
zitierte Gedichtanfang, ist es nicht weit - oder zur
Seelenverwandtschaft: "ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli".
bei amazon:
Friederike Mayröcker: Scardanelli <http://bloat.me/Gm8W>
Dies.: Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hg. von Marcal Beyer
<http://bloat.me/0XGk>
zur Biografie:
<http://www.literaturhaus.at/autoren/M/mayroecker/>
zum Anhören von Mayröcker selbst gelesener Gedichte:
<http://lyrikline.org/index.php?id=60&L=0&author=fm00&cHash=dc41e566c0>
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JUNI IM ÜBERBLICK - UNTERNEHMEN LYRIK: WERKSTÄTTEN UND ONLINE-KURSE
5. bis 7. Juni: Lyrik und Jazz in Winterkasten. Öffentliche Lesung mit
individuell abgestimmten Jazz-Improvisationen
<http://www.unternehmen-lyrik.de/kurse/lyrik-und-jazz/>
19. Juni: BeGEISTert dichten. Unter klarem Sternenhimmel
<http://www.unternehmen-lyrik.de/kurse/begeistert-dichten/>
20. bis 21. Juni: Poetische Bilder. Lektoratsreihe online Kurs 2
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25. Juni: Schreibnacht online - Meeresträume. "Tiefe Stille herrscht im
Wasser" (Johann Wolfgang Goethe)
<http://www.unternehmen-lyrik.de/kurse/schreibnaechte/>
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2. Netzwerkumgebung für Hölderlin (Gerhard Falkner) und
Wahrnehmungssplitter eines sterbenden Dichters (Peter Schünemann)
"Hölderlin Reparatur" heißt Gerhard Falkners Ende letzten Jahres
erschienenes Buch, für das er Anfang April den Peter-Huchel-Preis
erhielt. Kann man Hölderlins hohen Ton in unserer Zeit noch vertreten,
ohne sich lächerlich zu machen? Falkner stellt sich solcher
Herausforderung und konfrontiert Hölderlins Texte (und die anderer
Dichter wie Goethe oder Eichendorff, Rilke oder Brecht bis hin zu
Sappho) mit der Erfahrung und Sprechweise einer technisierten Welt, die
auf computer-gesteuerte Kommunikation zurückgreift. Seine "Reparatur",
so der 1951 geborene Falkner, "bebildert mit [den] Gedichten die Idee
des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentarischen und
superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen". Wohl mischt sich
Ironie ein in solcher Gegenüberstellung, doch Falkner sucht weder die
Persiflage noch Demontage der alten Meister. Im Rauschen, das sich beim
Zusammenprall von Erhabenem und Alltäglichem ergibt, müssen sich die
Texte in ihrem Kontext behaupten. Von "Reparaturtexten",
"Reklamationen" und "Netzwerkumgebungen" ist dabei die Rede oder von
"Material (Schlachten)", die zuletzt in den PC-Befehl "Alles löschen"
münden. Übrig bleibt sehr wohl die ästhetische Erfahrung, dass sich in
der Fremdheit moderner Sprachverknüpfung der hohe Ton literarischer
Tradition nicht ohne Risiko, aber dennoch mit erstaunlicher Wirkung
bewahrt.
In der poetischen Prosa Peter Schünemanns begegnet der Leser dem
sterbenden Hölderlin, dessen Lebensstationen im Gedankenstrom
auftauchen. Nicht mit Anekdoten und Lebensepisoden, nicht von außen,
sondern aus der Perspektive des geistig umnachteten Ich-Erzählers -
Hölderlin hatte die zweite Hälfte seines Lebens im Haus des
Schreinermeisters Ernst Friedrich Zimmer in Tübingen in geistiger
Verwirrung verbracht - verbinden sich Wahrnehmungssplitter, Gedanken,
Gefühle, Erinnerungsfetzen zu einem bunten Kaleidoskop: "... im
schneedunklen Frühjahr ein Klosterhofweg ein Kreuzgang ein Otternauge
die Neckarsteige hinab aus den Höfen Schreie von der Mittagsspitze das
Bockskraut am Fluß in den Abend geneigt das Holz der Kähne ..." Die
Rastlosigkeit eines Lebens, die Kluft zwischen Ideal und damit nicht
vereinbarer Lebensrealität, werden in solcher Assoziation ohne Punkt
und Komma deutlich. Schünemanns Novelle "Scardanellis Gedächtnis" führt
hinein in die Gedankenwelt, lässt sie in den poetischen Bildern zur
Wirkung kommen: eine Reise durch ein Labyrinth, die sich zu lesen und
nachzuvollziehen lohnt.
bei amazon:
Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur <http://bloat.me/EkhD>
Peter Schünemann: Scardanellis Gedächtnis <http://bloat.me/WSSP>
allg. Gedichte Falkners zum Anhören:
<http://lyrikline.org/index.php?
id=162&L=0&author=gf00&show=Poems&cHash=f40713f659>
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3. Sich in Hölderlin vertiefen: Bücher zum Lesen und Hören
In einer Hommage an Hölderlin, sollte der Dichter selbst nicht zu kurz
kommen. Gerade die Lektüre von Peter Schünemanns Prosaband kann die
Lust, sich mit Hölderlin und seiner Lebensgeschichte
auseinanderzusetzen, anstacheln. Als "Dichter der Dichter" bezeichnete
der Philosoph Martin Heidegger Hölderlin, für Romano Guardini,
gleichfalls Philosoph, war er der letzte in der europäischen Literatur,
der "das Schreiben als integrale geistige Erfahrung, als essentielle
menschliche Tätigkeit" verstand. In dieser Ganzheitlichkeit sieht die
Forschung teils auch die Aktualität Hölderlins.
Die Gedichte Friedrich Hölderlins sind in einer kommentierten
Gesamtausgabe erschienen. Unter den günstigen Textsammlungen sticht das
Reclam-Bändchen heraus. Der Schauspieler Bruno Ganz liest
Hölderlin-Verse auf CD.
Adolf Becks "Hölderlin-Chronik" gibt fundierte biografische Auskunft.
Auf den Seiten der Hölderlin-Gesellschaft
<http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=2&L=0> gibt es
weitere Hinweise und Links. Hanns Eisler hat 1943, Benjamin Britten
1958 Hölderlin-Fragmente vertont.
Die Gedichte Friedrich Hölderlins sind komplex und nicht leicht zu
verstehen. Für einen intensiveren Einstieg empfiehlt sich Marcel
Reich-Ranickis neues Buch "Und voll mit wilden Rosen", das 33 Gedichte
Hölderlins mit Interpretationen umfasst. Wer schließlich die
Hölderlin-Rezeption der Moderne erfassen will, kann dies mit Hiltrud
Gnügs Band "An Hölderlin. Zeitgenössische Gedichte". Bis in die 90er
Jahre sind hier die Reminiszenzen an Hölderlin aus der Nachkriegszeit
versammelt.
bei amazon:
Friedrich Hölderlin: Gedichte. Text und Kommentar hg. von Jochen
Schmidt <http://bloat.me/mFMU>
Ders.: Gedichte. Hg. von Gerhard Kurz <http://bloat.me/v1v2>
Hölderlin-Gedichte CD [Audiobook] Bruno Ganz: <http://bloat.me/oLP0>
Adolf Beck: Hölderlin. Chronik seines Lebens <http://bloat.me/xwWS>
Marcel Reich-Ranicki: Und voll mit wilden Rosen: 33 Gedichte mit
Interpretationen <http://bloat.me/1OpB>
Hiltrud Gnüg: An Hölderlin. Zeitgenössische Gedichte
<http://bloat.me/rCqX>
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4. Nicht ohne Diotima - Beatrix Langners Romanbiografie
Zusammen mit Susette Gontard, der Diotima seiner Dichtung (vor allem
auch im Roman "Hyperion"), verbringt Hölderlin 1796 einige Wochen in
Driburg. Die Frau des Frankfurter Großkaufmanns und Bankiers sucht dort
mit ihren Kindern auf der Flucht vor der französischen Armee Schutz. Es
dürfte - als der Liebesblitz bei beiden einschlug - Hölderlin
glücklichste Zeit gewesen sein. Zurück in Frankfurt, beginnen die
Verdächtigungen und Beobachtungen durch den Ehemann. Hölderlin verlässt
1798 das Haus. Heimliche Treffen und ein verstohlener Briefaustausch
folgen bis ungefähr 1800. Als Susette, bereits lungenkrank 1802 an
Röteln stirbt, folgt bei Hölderlin ein heftiger Ausbruch geistiger
Zerrüttung.
Beatrix Langners Romanbiografie "Hölderlin und Diotima" stellt die
Geschichte der beiden Liebenden in den Mittelpunkt. Die Autorin
verzichtet auf Spekulationen oder den Blick durchs Schlüsselloch. Sie
hält sich an Briefe und historisch gesichertes Material, auch wenn sie
einzelne Szenen arrangiert und dadurch ihre Erzählung anschaulich
macht. Im Rückgriff auf sozial- und alltagsgeschichtliche Quellen
zeichnet Langner ein facettenreiches Bild der damaligen Frankfurter
Gesellschaft, deren Rollenverteilungen, Sitten und modische Ambitionen
und bettet die Liebesbegegnung behutsam in den historischen Rahmen ein.
Biografie Susette Gontard:
<http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/susette-gontard/>
bei amazon:
Friedrich Hölderlin: Hyperion <http://bloat.me/jQyu>
Hölderlins Diotima. Susette Gontard. Gedichte, Briefe, Zeugnisse. Hg.
von Addolf Beck. <http://bloat.me/FOua>
Beatrix Langner: Hölderlin und Diotima. <http://bloat.me/Te3t>
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"Monatsgedichte" heißt es im nächsten Newsletter. Lassen Sie sich
überraschen!
Es grüßt Sie bis dahin herzlich
Ihre
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