[Michaela-Didyk Newsletter] Sprachspielereien im D-A-CH-Verbund
Michaela Didyk
info at michaela-didyk.de
Mo Feb 2 17:54:06 CET 2009
Liebe Leserinnen und Leser,
Marillen und Paradeiser, Fleisch an oder in der Sauce - die deutsche
Sprache hat ihre länderspezifischen Besonderheiten, sei es in
Deutschland, in der Schweiz oder in Österreich. Geht man noch eine
Sprachstufe weiter in die Mundarten, so vergrößert sich das Spektrum
genauso wie beim Sprachgebrauch durch die Jahrhunderte.
Der heutige Newsletter will hier Brücken schlagen. Sie finden Lexika
und Hörbeispiele, die Ihnen die Sprachvielfalt vor Augen führen, aber
auch "Übersetzungshilfe" bieten. Oder wissen Sie auf Anhieb, was H. C.
Artmann in seinem Gedicht mit "blauboad" und "fagrom" meint? Wenn Sie
schließlich mit einem "voice reader" geschriebene Zeilen hörbar machen,
kann das nicht nur Ihr Dichten bereichern, sondern passt auch für
einigen Nonsens(e) in die Faschingszeit.
PS: In diesem Jahr habe ich mich für einen jeweils halbjährlichen
Überblick über mein Kursprogramm entschieden. Neben der Kartenversion
per Post, die Sie mit Mail anfordern können, lässt sich die Vorschau
auch als pdf herunterladen
http://www.unternehmen-lyrik.de/ueber-mich/lyrik-kursprogramm-download/
Viel Spaß bei der Lektüre!
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1. Nachschlagen für Jahrhundertbedeutungen
2. Lexika im Dreiländeraustaus mit Querschlag zu Karl Valentin
3. Mundart in der Dichtung: H. C. Artmann, Ernst Jandl
4. Sprechender Sprachatlas und "Voice Reader"
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1. Nachschlagen für Jahrhundertbedeutungen
Bei Fremdsprachen sind wir es gewohnt, zum Lexikon zu greifen. Doch für
die eigene Sprache? Der Rechtschreibduden ist vermutlich im Einsatz,
aber ein Wörterbuch, das über die Nuancen und Entstehung von
Bedeutungen Auskunft gibt, nutzen wir kaum. Dabei kann es hilfreich bis
sogar spannend sein, Wörter und Wendungen in ihrer Herkunft und
geschichtlichen Entwicklung nachzuvollziehen. Was wir bei der Lektüre
alter Gedichte aus unserem zeitgenössischen Kontext übertragen,
verändert nicht selten den ursprünglichen Sinn. Doch manchmal verstehen
wir Ausdrücke überhaupt nicht mehr. Oder wissen Sie, was ein
Schulfuchs, ein Schellhengst ist oder was Goethe mit "quammig" meinte?
Hermann Pauls "Deutsches Wörterbuch" hilft hier als wissenschaftliches
Standardwerk aus der Verlegenheit und listet zudem auch regionale
Wortbildungen auf, die alten Sprachbestand oft erstaunlich bewahren.
Schreiben Sie doch regelmäßig über einen längeren Zeitraum Gedichte,
für die Sie ein Sprichwort oder eine Redewendung zum Ausgangspunkt
heranziehen. Da hier meist "verbrauchte" Metaphern vorliegen, kann
diese Schreibpraxis gut bildhaften Ausdruck auffrischen. Dass Ihnen der
Stoff auch nach Wochen noch nicht ausgeht, garantiert hier der
spezielle Duden mit Redewendungen.
bei amazon:
Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch <http://bloat.me/8grP>
Werner Scholze-Stubenrecht/ Wolfgang Worsch: Duden 11. Redewendungen:
Wörterbuch der deutschen Idiomatik <http://bloat.me/WZAk>
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2. Lexika im Dreiländeraustausch mit Querschlag zu Karl Valentin
Wörter, die in der Schweiz zum Alltag gehören, lassen in Deutschland
aufhorchen, weil die Form nicht mehr üblich ist. Es dünkt mich, ist ein
Beispiel dafür. Geht man in Österreich zum Einkaufen, bekommt man keine
Tüte oder Tragetasche, sondern ein Sackerl. Das Obst, Ribisel
beispielsweise, stecken dann im Stanitzel. Lautmalerischer hört sich
das allemal an. Auch wenn die Aussprache ein Kapitel für sich ist, gibt
es zumindest Übersetzungshilfe beim geschriebenen Wort. Wer die
verschiedenen Spracheigenheiten näher kennen lernen will, kann in Kurt
Meyers "Das Schweizer Wörterbuch: So sagen wir in der Schweiz"
nachschlagen oder Astrid Wintersbergers "Wörterbuch
Österreichisch-Deutsch" (Mitarbeit H. C. Artmann) heranziehen. Für
Österreich bietet auch das Internet einen guten "Zugang" unter
http://www.ostarrichi.org/deutschliste-H.html
Mischen Sie Ihre Texte sprachspielerisch mit solchen "Fremdwörtern" auf
oder schreiben Sie, wenn nicht ein Mundartgedicht, so doch ein
Lautgedicht in der Art Karl Valentins. Seine "Chinesischen Couplets"
sind immerhin bayerischen Ursprungs, wie Sie aus den folgenden zwei
Zeilen unschwer erkennen: "Wanni ko na kimmi, kummi aber nimmi/ Kim i,
kumm i, aber i kim kam"
bei amazon:
Kurt Meyer: Das Schweizer Wörterbuch: So sagen wir in der Schweiz
<http://bloat.me/4Sf4>
Astrid Wintersberger: Wörterbuch Österreichisch-Deutsch
<http://bloat.me/Zp0D>
Karl Valentin: Gesammelte Werke <http://bloat.me/IIrK>
die offizielle Website http://www.karl-valentin.de/ und
zusammen mit Liesl Karlstadt
<http://www.karl-valentin.de/leben/karlstadt.htm>
im Couplet auf YouTube http://de.youtube.com/watch?v=YO4itcnLmEQ
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3. Mundart in der Dichtung: H. C. Artmann, Ernst Jandl
Mit den Sprachspielen ist der Sprung zu Ernst Jandl und H. C. Artmann
nicht weit. Bei Jandl verhaltener, verwendet Artmann häufiger das
Wienerische in seinem Werk. Das hört sich, von ihm auf lyrikline selbst
gelesen, so an: http://bloat.me/DxfB . "Blaubart/ blauboad" und
"vergraben/ fagrom" ergeben sich dann als Lösungsworte für die eingangs
gestellte Frage. Ernst Jandl können Sie unter folgenden Links hören (z.
B. "de easchdn") oder im Video bei einer Lesung erleben:
http://bloat.me/0gpo und http://bloat.me/UfHl . Ein Genuss, den man
sich immer wieder gönnen sollte.
Dichtung in Mundart zu schreiben, folgt einer eigenen Traditionslinie,
die jedoch häufig belächelt wird. Der Gedanke an Brauchtum und
konservative Gesinnung ist (vor)schnell damit verbunden. Dass dem nicht
so sein muss und ist, zeigen die angeführten Beispiele. Für ein
Klangspiel und Bewusstmachen von Lauten als kleinster Spracheinheit in
Ihrem poetischen Handwerkskoffer ist es deshalb auch in Ihrem Dichten
den einen oder anderen Versuch wert.
bei amazon:
Hans C. Artmann: How much, schatzi? <http://bloat.me/ld70>
Hans C. Artmann: Aus meiner Botanisiertrommel <http://bloat.me/3Rfb>
"The Best of H. C. Artmann" hrsg. von Klaus Reichert
<http://bloat.me/9mO0>
Verschiedene Bände von Ernst Jandl <http://bloat.me/oCnn>
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4. Sprechender Sprachatlas und "Voice Reader"
"Sprechender Sprachatlas" klingt aufs Erste nach einer Tautologie wie
"weißer Schimmel". Doch wenn Sie auf
http://sprachatlas.bayerische-landesbibliothek-online.de/ klicken,
sehen Sie schnell die Besonderheit. An Begriffsbeispielen aus
unterschiedlichen Lebensbereichen hören Sie - auf Bayern bezogen - die
regionale Ausdrucksvielfalt vom Bodensee bis zum Bayerischen Wald. Ob
Bonbon, Bumbala oder Guatsli, ob Bulln, Hag, Stier oder Bummerl - je
nach Knopfdruck ertönt das Wort im jeweiligen Dialekt gesprochen. Auf
der Grundlage wissenschaftlicher Forschung seit 1984 stellt die
Bayerische Staatsbibliohek München mit diesem Projekt Tonmaterial aus
etwa 70 Orten zur Verfügung, - ein äußerst klangvolles Anliegen.
Die Stimme hörbar machen, solche Technik ist auch für Ihre Texte von
Nutzen - durchaus in der "Hochsprache", in der Sie vermutlich
schreiben. Ihre Verse von jemand anderem gelesen zu hören - so die
Erfahrung in meinen Lyrikseminaren - hilft, mehr Distanz zum
Geschriebenen herzustellen. Dies geht auch mit einem "Voice Reader" auf
Ihrem PC oder Laptop in der stillen "Schreibkammer". Jürg Kleemann gab
mir aus seiner Dichterpraxis den Tipp eines solchen Programms, den Sie
mit einer Testversion hier ausprobieren können:
http://www.linguatec.de/onlineservices/voice_reader/
Schreiben Sie Ihre Zeilen in das vorgesehene Feld und lassen Sie sich
Ihren Text vorlesen (Tipp: ein Gedankenstrich am jeweiligen Versende
macht sich in Tempo und Zäsur gut). Und wer gerne spielt, kann die
freundliche Lady am Bildschirm - (Sie finden auch den geschriebenen
Text auf lyrikline siehe oben) - mit einer Mundartstrophe aus Artmanns
"blauboad" herausfordern oder sich alles in englischer und
französischer Aussprache anhören. Ich bin mir sicher, dass Sie aus
solchem "Lesedienst" neue Ideen für Ihr Schreiben gewinnen, ernst oder
lustig, ganz wie es Ihnen behagt.
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Mit den heutigen Sprachhinweisen, die hoffentlich mit einer Prise Humor
zum Faschingsgefühl beitragen, wünsche ich eine gute närrische Zeit.
Ich grüße Sie herzlich,
Ihre
Michaela Didyk
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können Sie die Informationen direkt auch unter
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