[Michaela-Didyk Newsletter] Viersprachenlieder im Osten Europas
Michaela Didyk
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Mi Jan 24 21:30:50 CET 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
die Bukowina ist einer der Schwerpunkte im Januar-Newsletter. 1940
zweigeteilt und heute teils zur Ukraine, teils zu Rumänien gehörend,
ist das "Buchenland" mit seiner Hauptstadt Czernowitz vor allem im 19.
und zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein Sammelbecken multikultureller,
deutschsprachiger Literatur. Alfred Margul-Sperber, Paul Celan und Rose
Ausländer sind nur einige Namen, die mit der Landschaft zwischen
Karpaten und Pruth-Fluss verbunden sind.
Unweit davon im Vielvölkergemisch der Karpatenregion nahe der Theiß ist
der zeitgenössische ukrainische Dichter Juri Andruchowytsch auf
Spurensuche. In "Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europa"
macht er deutlich, dass sich mit der Öffnung der Grenzen auch das
Zentrum Europas nach Osten verschoben hat. Umso dringlicher erscheint
daher der Blick auf die aktuelle Literaturszene der Ukraine.
"Last & Lost" hrsg. von Katharina Raabe und Monika Sznajderman bei
amazon: <
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Viel Vergnügen bei der Lektüre!
1. Viersprachenlieder singen
2. In der Sprache der Mörder
3. Zeitgenössische Literatur der Ukraine
4. Gedichte in der Originalsprache: Lyrikline
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1.Viersprachenlieder singen
"Immer zurück zum Pruth. Ein Leben in Gedichten" heißt ein Lyrikband
Rose Ausländers. Die Jugend, die Landschaft wird wach in ihren Versen:
"Grüne Mutter/ Bukowina/ Schmetterlinge im Haar ... Der Karpatenrücken/
väterlich/ lädt dich ein/ dich zu tragen". Doch nicht minder spricht
die Erfahrung der beiden Weltkriege und des Holocaust aus den Texten
der Dichterin, die aus ihrer Geburtsstadt Czernowitz vertrieben wird
und wie viele Juden der Bukowina nach Amerika emigriert.
"Immer zurück zum Pruth" <
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Claudia Erdheims im Herbst erschienenes Buch "Längst nicht mehr
koscher" erzählt dagegen - mit Blick auf die eigene Ahnenreihe - die
Geschichte einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Galizien, das heute
zwar zur Ukraine gehört, Ende des 19. Jahrhunderts aber noch
östlichstes Kronland der österreichischen Monarchie war. Auswanderung,
Krieg, Widerstand und Vernichtungslager - das Schicksal der verzweigten
Familie lässt das Aufbrechen und die Entwurzelung aus der
ursprünglichen Tradition spüren: ein Prosatext, der in seinem Zeitbild
von 1874-1945 reiches Hintergrundwissen frei gibt.
"Längst nicht mehr koscher" <
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In ihrer kulturellen Blüte ausgelöscht und am Ende des zweiten
Weltkriegs durch Deportation und Flucht fast menschenleer geworden,
kehren die Bukowina und Czernowitz über die Erinnerung an die Dichter,
die dort ihre "Viersprachenlieder" (Rose Ausländer) sangen, ins
Gedächtnis zurück. Der ukrainische Norden mit Czernowitz, der
rumänische Süden - in dieser heutigen Konstellation erschließt sich das
"Buchenland" dem Neugierigen. Wer sich dem Mythos der
viel/viersprachigen Stadt Czernowitz stellen und die „Gegend, in der
einmal Menschen und Bücher lebten“ (Paul Celan) neu entdecken will, ist
auf den Seiten < http://www.czernowitz.de > von Othmar Andrée und in
Österreich bei den "Freunden der Bukowina" <
http://www.m-m-creations.com/bukowina/index.html > gut beraten.
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2. In der Sprache der Mörder
Paul Celan schrieb nach dem Holocaust zwar - wie er es nannte - in der
"Sprache der Mörder", war jedoch zeit seines Lebens bestrebt, diese
Sprache aufzubrechen und neu zu (er)finden. Zusammen mit Rose Ausländer
ist er wohl am meisten mit der Bukowina verknüpft.
Im Literaturhaus Berlin und München machten Ausstellungen 1993 bzw.
2003 anschaulich, wie reich das literarische Schaffen in Czernowitz
insgesamt war. Der Berliner Ausstellungskatalog von Herbert Wiesner "In
der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina" ist
grundlegendes Werk und vereinzelt noch in Buchhandlungen erhältlich
Ausstellungsbuch
<http://www.amazon.de/gp/redirect.html?
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Wer sich speziell mit der Dichtung Paul Celans befasst, erfährt in
Helmut Böttigers neuem Büchlein "Wie man Gedichte und Landschaften
liest. Celan am Meer" Näheres über die französischen "Rückzugsjahre"
des Lyrikers. Aber auch sie waren geprägt von den Folgen des Holocaust.
"Wie man Gedichte und Landschaften liest. Celan am Meer" <
http://www.amazon.de/gp/redirect.html?
ie=UTF8&location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fs%3F%5F%5Fmk%5Fde%5FDE%3D%
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3. Zeitgenössische Literatur der Ukraine
Jury Andruchowytsch und Oksana Sabuschko sind die beiden im Westen
bekanntesten Autor/innen der heutigen Ukraine. Vor allem Sabuschkos
jüngster Roman "Feldstudien über ukrainischen Sex" brachten die Autorin
in die internationalen Bestseller-Listen. Andruchowytsch gilt
insbesondere durch sein essayistisches Werk als Stifter einer neuen
ukrainischen Identität, die auch die Öffnung nach Westeuropa
befürwortet.
In Anthologien, Zeitschriftenveröffentlichungen und Literaturprojekten
tauchen weitere Namen übersetzter Schriftsteller und Dichterinnen auf.
Nach der Prosa beginnt nun auch die Rezeption der Lyrik. Es bleibt
freilich ein kleiner Kreis von Autor/innen, der lediglich einen
Bruchteil der ukrainischen Literaturszene ausmacht.
"Feldstudien über ukrainischen Sex" <
http://www.amazon.de/gp/redirect.html?
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Für ein Kennenlernen empfiehlt sich das Projekt "Potyah 76 - Zug 76 :
Junge ukrainische Literatur auf Tournee", das Literaturportal zur
Vermittlung und Vernetzung ukrainischer Literatur: <
http://www.zug76.de >
Englische Übersetzungen - u.a. von Vasyl Gabor - finden sich im
online-Magazin "Ukrainian Literature. A journal of Translation" <
http://www.shevchenko.org/Ukr_Lit/index.html >
Oleh Lyshehas Gedichte "Die Schildkröte" und "Er" können Sie ebenfalls
online in der Zeitschrift "Lose Blätter" lesen: <
http://www.lose-blaetter.de/38_schi.html >
Wer lieber zum Buch greift, findet in der von Karin Warter und Alois
Woldan herausgegebenen Anthologie "Zweiter Anlauf. Ukrainische
Literatur heute" neben der Lyrik Tymofi Hawriliws und Halyna
Petrosanjaks u.a. auch Gedichte von Juri Andruchowytsch und Oksana
Sabuschko.
"Zweiter Anlauf" <
http://www.amazon.de/gp/redirect.html?
ie=UTF8&location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fs%3F%5F%5Fmk%5Fde%5FDE%3D%
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Mykola Rjabtschuks Band "Die reale und die imaginierte Ukraine" hilft,
die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen zu verstehen, die das Land
in seiner Ost-West-Ausrichtung prägen.
"Die reale und die imaginierte Ukraine" <
http://www.amazon.de/gp/redirect.html?
ie=UTF8&location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fs%3F%5F%5Fmk%5Fde%5FDE%3D%
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4. Gedichte in der Originalsprache: Lyrikline
Hier spricht der Dichter, die Dichterin selbst - das Motto der
lyrikline < http://lyrikline.org > gilt auch für fremdsprachige Verse.
Zumindest Juri Andruchowytsch' Gedichte lassen sich - in der
Übersetzung lesen und - im Original hören: <
http://www.lyrikline.org/index.php?
id=60&L=0&author=ja00&cHash=bd9ad77120 >
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Der Februar-Newsletter informiert Sie über meine neue Reihe
"Stadtgedichte". Bis bald
herzliche Grüße
Ihre
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