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[Michaela-Didyk Newsletter] Im Spannungsfeld fremder Kultur

Michaela Didyk info at michaela-didyk.de
So Jan 27 18:14:24 CET 2008


Liebe Leserinnen und Leser,

mit seiner Erzählung "Die morawische Nacht" steht Peter Handke derzeit  
hochgelobt im Rampenlicht. Ein "ganz traditionelles Stück, über die  
Kärntner Partisanen, aber mit weltweiter Gültigkeit" hat sich der Autor  
für 2008 vorgenommen. Dass solcher Stoff Brisanz hat, da er ethnische  
Minderheiten betrifft, führt der Künstler Ernst Logar mit seiner  
Rauminstallation "Das Ende der Erinnerung - Kärntner PartisanInnen/  
Konec spomina - koroske partizanke koroski partizani" im  
Österreichischen Parlament - Palais Epstein / Wien deutlich vor Augen.  
Ethnische Minderheit, Migration und "Culture Shock" als verschiedene  
Aspekte des Fremden sind - über den lyrischen Tellerrand hinaus - die  
Themen des heutigen Newsletters.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.


bei amazon: Peter Handke: Die morawische Nacht <  
http://tinyurl.com/2om8sv >
Die Rezension zu Hans Höllers Rowohlt-Monografie "Peter Handke", im  
letzten Newsletter vorgestellt,  finden Sie inzwischen unter <  
http://www.unternehmen-lyrik.de/newsletter/rezensionen >. Günter Ott  
hat die Besprechung wiederum zur Verfügung gestellt.

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1. Ernst Logars Rauminstallation: "Das Ende der Erinnerung - Kärntner  
PartisanInnen"
2. Aus zwei Sprachen gewebt: die Lyrik Róza Domascynas
3. Dagmar Berg: "Culture Shock im Handgepäck. Psychologie des  
Kulturkreiswechsels"
4. Zeitschriften mit einem Blick auf die Welt: "Die Brücke" und "Lettre"

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1.  Ernst Logars Rauminstallation: "Das Ende der Erinnerung - Kärntner  
PartisanInnen"

Der Küchentisch als Zentrum der Familie ist für den österreichischen  
Künstler Ernst Logar (*1965) der Ort, an dem zwischen den Generationen  
auch die Erinnerung weitergegeben wird. Am Küchentisch werden  
Familiengeschichten erzählt und diskutiert oder - nicht selten - auch  
gänzlich verschwiegen.
In seiner Rauminstallation, die in Kooperation mit dem österreichischen  
Parlament vom 29. Januar bis 2. Februar 2008 im Palais Epstein (Wien,  
Dr. Karl-Renner Ring 1, Di-Fr 12-16 Uhr) zu sehen ist, stellt Ernst  
Logar auf die Tische Monitore. Interviews laufen, die er mit Kärntner  
Partisanen und Partisaninnen führte und die dabei auch - als Minderheit  
im Land - von ihrem Leben als Kärntner SlowenInnen berichten.  
Kriegserlebnisse, die Nachkriegsjahre bis zur heutigen Lebenssituation  
kommen zur Sprache.
Für Logar ist das - daher auch sein Titel "Das Ende der Erinnerung" -  
eine letzte Gelegenheit, der "Generation, die die Naziherrschaft selbst  
miterlebte, in die Augen zur schauen". Einen historisch korrekten  
Umgang mit der eigenen Geschichte, den Kärntner PartisanInnen wie  
Kärntner SlowenInnen  gibt es nämlich bis heute in Kärnten noch nicht,  
obwohl von Historikern der Widerstandskampf der Partisanen und  
Partisaninnen als wichtigster Beitrag zur Niederringung des  
Nazi-Regimes bewertet wird. Nicht für die Freiheit Österreichs, sondern  
für ein kommunistisches Slowenien gekämpft zu haben, lautet der Vorwurf  
gegen sie.
Die Intention Ernst Logars ist es, die Verbindung zwischen der  
Vergangenheit und unserer Zeit herzustellen. Dass er dabei nicht nur  
der Erinnerung eine wichtige Rolle für unser heutiges Geschichtsbild  
zuweisen, sondern auch den Blick auf verdeckte Wunden lenken will,  
verrät bereits der Name "pArtisan", unter den er sein künstlerisches  
Programm stellt.

< http://www.logar.co.at >
< http://www.pArtisan.co.at >

Link zu weiteren Ausstellungsinformationen:
<  
http://www.unternehmen-lyrik.de/newsletter/archiv/newsletter-januar-08/ 
januar-08 >
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2. Aus zwei Sprachen gewebt: die Lyrik Róza Domascynas

Auch in Deutschland gibt es ethnische Minderheiten, so die Sorben oder  
Wenden im heute sächsichen Ober- bzw. brandenburgischen Niederlausitz.  
Allen Eingliederungsversuchen seit rund 1400 Jahren zum Trotz bewahrten  
sie ihre Kultur und Sprache, die sich je nach Region mehr dem  
Tschechischen oder Polnischen annähert. Dennoch verringert sich der  
aktive Sprachgebrauch und ist teils vom Aussterben bedroht.
Róza Domascyna (*1951) ist sorbische Lyrikerin und Übersetzerin. Wer  
das Glück hat, sie bei einer Lesung zu erleben, gewinnt, ohne die Texte  
zu verstehen, beim Vortrag der sorbischen Gedichte einen neuen Zugang  
zur Eindringlichkeit lyrischen Klangs. In der Verwendung beider  
Sprachen, der sorbischen wie deutschen, knüpft sie feine Netze, in  
denen das "Niemandsland" zwischen den Kulturen spürbar wird, ein Sehnen  
sich breit macht: "es ist ein geben zwischen wir und ihr/ wir das ist  
jetzt und ihr ist kaum noch hier/ wir das ist aufrecht ihr das ist  
schon krumm/" [aus: zwischen gangbein und springbein].
Natur und Liebe sind die beiden Themenbereiche der Dichterin, die 1989  
ihren literarischen Durchbruch hatte und mehrfache Preisträgerin ist.  
So erhielt sie u.a. 1994 den Mörike-Förder-Preis, 1998 den  
Anna-Seghers-Preis und 2001 den Exil-P.E.N.-Literaturpreis. Neben dem  
Schreiben eigener Lyrik versteht sie sich auch als Nachdichterin von  
Texten slawischer Sprachen.
"wendisch ist gestorben sagst du und speist/ die worte mir ins gesicht  
daß es stumm wird/ und silbe um silbe verschluckt die kinder/" [aus:  
zwischen gangbein und springbein] - Róza Domascyna hält in der  
ästhetischen Verbindung beider Sprachen das Erbe wach.

Auswahlbände von Róza Domascyna bei amazon:
zwischen gangbein und springbein (1995) < http://tinyurl.com/3xrwot >
selbstredend selbzweit selbdritt (2. Aufl. 1998) <  
http://tinyurl.com/2nxavh >
Stimmfaden (2006) < http://tinyurl.com/39xtcu >

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3. Dagmar Berg: "Culture Shock im Handgepäck. Psychologie des  
Kulturkreiswechsels"

Nicht ethnische Minderheiten hat Dagmar Berg im Visier, sondern den  
"Sojourner", den Reisenden, der für eine bestimmte Zeit - beruflich  
beispielsweise - im Ausland lebt, um später wieder in die Heimat  
zurückzukehren. In ihrer Studie zeigt die Diplompsychologin aus Berlin,  
die bei ihren Aufenthalten in Peking, New York und Wien eigene  
themenspezifische Erfahrungen sammelte, die Problematik des "Culture  
Shock", der sich beim Wechsel des Kulturkreises schleichend einstellt  
und meist unerkannt zur Belastung bis hin zur ernsthaften Krise führt.
Der anfänglichen Euphorie in der Fremde und dem Optimismus, sich  
erfolgreich in der neuen Umgebung zurecht zu finden, folgt eine Phase  
der Ernüchterung. Unterschiede anstatt der vorherigen Gemeinsamkeiten  
kommen in den Blick. Die Kommunikation erscheint schwieriger, Ablehnung  
und Feindseligkeit  gegenüber dem Gastland machen sich mitunter breit.  
Erst in einem dritten Schritt vollzieht sich langsam die Anpassung. Die  
fremde Kultur wird vertrauter, feine Unterschiede werden beim Kontakt  
bewusster und eine Neuorientierung schließt sich an. Das Wohlgefühl in  
der vierten Phase macht offenkundig, dass dieser Eingewöhnungsprozess  
geglückt ist. Selbstsicherheit und soziale Kompetenz sind wieder  
verfügbar, Selbstwahrnehmung und Rückmeldung in der Kommunikation  
entsprechen sich nun auch in der Fremde.
Die Zusammenhänge aufzudecken und das Phänomen des "Culture Shock"  
bekannter zu machen, ist das eine Anliegen der Autorin. Mit Hilfe  
"narrativer Prinzipien" zeigt sie zugleich aber auch einen Weg auf, den  
Betroffenen in seiner Sinnkrise zu begleiten. "Indem er seine  
Geschichte erzählen kann, wird er Teile seines Lebens zusammenfügen und  
seine Erfahrungen so strukturieren, dass sie in einen Sinnzusammenhang  
mit seiner jetzigen  Situation gebracht werden können. [...] Durch die  
Funktion des Narrativen kann der Kern des Culture Shock-Geschehens, bei  
dem Gewohntes vermisst wird und Unerwartetes verstanden werden muss, in  
einer Weise erreicht werden, die dem Ratsuchenden das Gefühl vermitteln  
kann, auf Verständnis und Klarheit zu stoßen."
Erzählen erweist sich als Werkzeug, über Erinnerung und Selbstreflexion  
auf innere Prozesse Einfluss zu nehmen. Dagmar Bergs Buch ist keine  
literaturspezifische Lektüre, wie sie im Newsletter zu erwarten wäre.  
Der Band ist jedoch ein grundlegendes Kapitel für all die, die im  
interkulturellen Bereich arbeiten und darin "zuhause" sind.

beim Verlag Dr. Köster
< http://www.verlag-koester.de/buch.php?id=526&start=0&fb_id=26 >
bei amazon:
< http://tinyurl.com/337dg9 >
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4. Zeitschriften mit einem Blick auf die Welt: "Die Brücke" und "Lettre"

Zwei Zeitschriften können das heutige Thema runden. Kämpferisch gibt  
sich "Die Brücke", die sich seit 19 Jahren als "Forum für  
antirassistische Politik und Kultur" für Migranten stark macht und ihre  
Integration fordert und unterstützt. Menschenrechte, neue  
Völkerwanderungen, Armut und Völkerverständigung, Islamismus und  
Fundamentalismus in Europa sind Themen, die das Magazin als Sprachrohr  
des gleichnamigen Vereins nicht nur immer wieder zur Diskussion stellt,  
sondern auch mit Aktionen - beispielsweise 1985 mit den "Tagen der  
Einwanderer" - im allgemeinen Bewusstsein verankern will. Necati Mert  
als verantwortlicher Redakteur bezieht vehement Position. Neben  
philosophischen Visionen und politischen Analysen, Reportagen und  
Porträts hat stets auch "die Lyrik als Vorreiterin in eine bessere Welt  
ihren festen Platz."
< http://www.bruecke-saarbruecken.de/index.htm >

"Lettre international" versteht sich als "interdisziplinäres  
intellektuelles Forum" ohne Verpflichtung auf eine politische  
Programmatik. Die Offenheit des Dialogs zu fördern, indem brisante,  
aber auch verdeckte Themen aus den unterschiedlichen Blickwinkeln  
internationaler Autoren zusammenkommen, ist genauso Ziel wie der  
Wunsch, "Spiegel" zu sein "von Veränderung, ein Seismograph der Welt in  
ihrer Zersplitterung und dem Zusammenspiel ihrer Kulturen, ihrer  
Architekturen und ihren Erschütterungen". Auch in Lettre hat die Kunst  
ihren Stellenwert. Jedes Heft wird exklusiv von einem Künstler  
gestaltet.
< http://www.lettre.de/ >
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Im Februar-Newsletter erfahren Sie mehr über das Jahresprogramm von  
Unternehmen Lyrik. Ob online-Kurse oder Erfolgsteam für AutorInnen, ob  
"Eintauchen" in die Lautbewegung der Sprache oder neue "Stadtgedichte"  
in Meißen und Venedig: Die Lyrik zeigt ihr breites Spektrum auch in der  
Vielfalt des Seminarangebots.

Herzliche Grüße - und holen Sie sich am 2. Februar, dem Fest von Licht  
und Inspiration, viel Musenkraft an Ihren Schreibtisch.
Ihre
Michaela Didyk

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Michaela Didyk M.A.
Unternehmen Lyrik
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Schellingstraße 115	
D-80798 München
T: +49 (0)89 524 527
F: +49 (0)89 542 90 805
Skype: michaela-didyk
E: info at unternehmen-lyrik.de

I: http://www.unternehmen-lyrik.de

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